schwedenlady

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Wie Technik mein Leben verändert

Wie Technik mein Leben verändert

Als ich ein Kind war, hätte ich mir nie träumen lassen, auf einem glatten Bildschirm per Tippen Texte einzugeben, geschweige denn, darauf Blindenschrift zu schreiben – und jeder kann es lesen.
Jetzt beispielsweise ist mein Rührkuchen im Ofen, ich sitze im Garten, höre den Amseln zu und tippe diesen Text mit den Fingern, als ob das Smartphone eine Blindenschriftschreibmaschine wäre. Ob das Gerät die Buchstaben auf einer virtuellen Quertz- oder Blindenschrifttastatur erhält, beeinflusst nur die Eingabe, nicht den Ausgabemodus. Vor der Stäbchenprobe erzähle ich euch nun von meinem bisherigen Tag und wie mir technische Geräte den Alltag erleichtern.

Heute stand ich leise auf, mein Mann konnte länger schlafen. Ich war schon frisch und munter. So sah ich erst mal auf dem Smartphone nach, wie das Wetter wird und überflog die Schlagzeilen. Dann wollte ich ein geführtes Workout mit einer App beginnen - und stolperte fast über den Mikrofonständer. Klar, gestern habe ich mit meinem Tonstudio im Laptop und dem mit Midi verbundenen E-Piano Aufnahmen gemacht und danach noch gesungen. Das wäre in dieser Professionalität für Blinde heutzutage am Computer mit Menüführung kaum ohne technische Hilfe möglich. Wie funktioniert solch ein Tonstudio? Alle Inhalte auf dem Bildschirm werden gesprochen. Mit Tastenkombinationen kann ich es bedienen. Das gilt für viele Anwendungen und Programme: Alles, was auf dem Bildschirm steht, wird vorgelesen oder auf eine Blindenschriftzeile übertragen. Das ist, sozusagen, eine Leiste, auf deren Oberfläche zeilenweise der Text in Blindenschrift dargestellt wird. Viele Übersetzungsprogramme machen so etwas im Hintergrund  möglich.

Jetzt schnell das Mikrofon an seinen Platz räumen und weiter zum eigentlich angedachten Training. Die Smartwatch spricht und sagt alles an, was Sehende lesen können. Nach dem Training schaue ich kurz auf das sprechende Innen- und Außenthermometer. Ja, heute wird ein schöner Tag. Mein Mann ist aufgestanden, ich kann also im Schlafzimmer die sprechende Personenwaage befragen und mir mit Hilfe des Farberkennungsgeräts (oder der entsprechenden App) ein passendes Outfit heraussuchen. Hält man das Farberkennungsgerät (oder die Kamera des Smartphones) gegen ein Kleidungsstück, wird die Farbe angesagt. Ob Licht brennt, wird ebenfalls erkannt. Sogar Leuchtdioden erkennt das Farberkennungsgerät. Nach dem Frühstück gehen wir zur Arbeit, wie viele andere auch.

Nach dem Abfragen der dienstlichen Mails folgt die Internetrecherche und ich erledige meine heutigen Aufgaben. Was ich im Amt oder Internet nicht erfahren kann, frage ich telefonisch bei den betreffenden Organisationen usw. ab. Da ich von zuhause aus arbeite, Maile ich alles an meinen Vorgesetzten. Aufträge erhalte ich auch per mail, weniger in Papierform.

Geschafft, es ist Wochenende. Schnell noch den Kontostand online überprüfen und eine Überweisung tätigen. Die TAN wird mir auf das Smartphone gesendet, ich trage sie im Bankprogramm ein. Auch hier wird alles vorgelesen. Genau wie bei meinem Festplattenrekorder. Das Fernsehprogramm der nächsten Wochen und Sendungsinhalte sind zu sehen. Ich kann alles problemlos per Sprachausgabe bedienen und nehme unsere Lieblingssendungen für später auf. Jetzt noch schnell den Kuchen backen, dann kann ich mich raus in die Sonne setzen.

Die Küchenwaage hat eine große Schüssel und spricht. So kann ich Mehl, Butter und Zucker bequem abwiegen. Flüssigkeiten messe ich mit einem Messbecher ab, der fühlbare Markierungen hat.  Die Spülmaschine ist auch fast voll. Jedes Programm hat eine Taste. Die Waschmaschine hat dafür einen Drehregler, den ich bei bestimmten Programmen auf der Fläche außen herum mit Punkten versehen ließ. Der Regler ist nicht ganz rund, sondern pfeilförmig. So kann ich erkennen, auf welches Programm er zeigt.
Haushaltsgeräte mit Menüauswahl und reinen Sensortasten sind für Blinde ungeeignet, wenn das gerät über keine Sprachbedienerführung verfügt. Bietet die Bedienung durch Apps hier eine Alternative? Ja, aber.... Das Smartphone muss allerdings dann immer zur Hand sein und Updates dürfen die Apps nicht unbrauchbar für uns machen, was manchmal der Fall ist, bei meinem Kalorientagebuch geschah dies. Es lässt sich für Blinde nur noch im Browser am Smartphone oder Computer bedienen. Überhaupt bedarf es Übersetzungsprogrammen, damit Inhalte adäquat für uns nutzbar gemacht werden können. Das vergessen viele Entwickler, wir fallen aus Gedankenlosigkeit oft wieder "hinten runter", obwohl die technischen Entwicklungen uns eigentlich so unabhängig machen könnten, wie noch nie zuvor. Es wäre wunderbar, würden uns Onlinehändler, Programmierer von Webseiten, Haushaltsgeräte- sowie Geldautomatenhersteller berücksichtigen und nicht vergessen.

Bei welchen Tätigkeiten hätte ich heute sehende Hilfe benötigt?
Ich bin mir nicht sicher, ob es früher schon Personenwaagen gab, die fühlbar waren, wie eine Blindenuhr oder eine Küchenwaage - ebenfalls mit fühlbarem Zeiger. Als ich mir die erste leisten konnte, gab es schon sprechende Personenwaagen. Bei der Kleiderwahl hätte ich einen Sehenden fragen müssen, wenn ich die Farben vergessen hätte. Die Arbeit von Zuhause aus, das Aufnehmen mit dem Tonstudio, das Programmieren des Videorekorders und Banküberweisungen zu tätigen sowie den Kontostand abzufragen, wäre ohne fremde Hilfe nicht möglich gewesen. Die kleinen technischen Helferlein machen uns Blinde unabhängiger von sehenden Personen.

Und schon vibriert und klingelt der Timer meiner Smartwatch, der Kuchen ist fertig. Nächste Woche backe ich eine Prinsesstårta. Ja, mein Smartphone und der Pc verfügen auch über eine schwedische Sprachausgabe. Jetzt aber zur Stäbchenprobe, ganz ohne Technik.

 

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1.6.19 10:11

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