schwedenlady

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Blinde Autistenmutter erzählt

Rückfall

Und schon wieder! Jetzt hatten wir ein Schuljahr so schön Ruhe und ein wunderbares Zeugnis. Ich war zum ersten Mal stolz und hatte die Hoffnung, das Leben würde sich doch endlich in normale Bahnen einregeln lassen. Kaum aber kommt das Köpfchen aus dem Loch, rumms, drauf mit der Schaufel, damit man auch wirklich im Loch bleibt. Alles wäre ja sonst zu wundervoll. Die schockierende Mail kam am Freitag aus des Sohnes Gruppe und lautet verkürzt wie folgt:
"Er hat einen Schüler umgestoßen. Ein Grund hierfür war nicht ersichtlich. Er hat Fernsehverbot erhalten und darf zur Zeit nur in Begleitung zur Schule gehen. Er hat bitterlich geweint und ihm ist es bewusst, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war. Sie können es mit ihm besprechen, aber Strafen hat er genug erhalten. Das Fernsehverbot wurde inzwischen wieder gelockert und er kann die Sendung „Galileo“ anschauen. Aber alle „Cobra 11 Filme“ und aufregende Krimi- und Einbruchsserien sind gestrichen. So hoffen wir doch, dass jetzt alles wieder ohne große Aufregungen läuft."
Ich gebe der Gruppe uneingeschränkt Recht. Wenn es nach mir ginge, dürfte er nie mehr so etwas schauen. Immer ist irgendetwas. Normale Jugendliche in dem Alter... Ach, was soll ich sagen. Mein Leben ist einfach verpfuscht. Ich kann an das Kind hinreden, mit Engelszungen, ihm erklären, was das für Konsequenzen haben könnte (Medikamentierung) - ich kann aber auch mit der Wand vor meinem Schreibtisch sprechen. Also rede ich halt mit Engelszungen auf die 1,83 m große, Mensch gewordene  Wand ein. Ich werde nie mehr richtig von Herzen fröhlich  sein können, nie mehr unbelastet. Ich muss ständig Angst haben, was jetzt schon wieder schief läuft. So ist das Leben mit einem Kind mit einer geistigen Behinderung, dazu zählt auch Autismus. Dieses "Kind" bleibt immer Kind, wird nie erwachsen, wie Menschen, ohne geistige Behinderung. So geht es ewig weiter, egal, wie alt ich werde. Alle Schönfärber und Moralapostel dürfen gerne jetzt und hier kommentieren. Die möchte ich nach 18 Jahren Bürokratie und K(r)ampf auf jeder Ebene mal hören. Also, los, fühlt euch berufen!

2.10.16 16:38, kommentieren

Stressiger Ausflug

Donnerstag, 18.08.2016
Das Taxi holte erst mich ab und ich fuhr zur Gruppe meines Sohnes, dann fuhren wir nach Friedrichshafen. Dort ging es mit dem Katamaran Richtung Konstanz. Mein großer Junge führte mich perfekt aufs Schiff und fand auch Plätze für uns. Wir hatten einen Vierertisch und ein Herr erklärte mir, dass meines Sohnes Bemerkungen sich auf den „Gästebildschirm“ mit Infos bezogen. Mein Junge bezeichnete später Möwen als „Seetauben“, was ich sehr amüsant fand. Er kaufte sich ein Eis, der Kaffee wurde gebracht.

Er fand das Sea Life natürlich und wir gingen durch. Man konnte Gletschereis anfassen und er hatte viel Spaß bei den Eselspinguinen. Ein (Plüsch)-Pinguin wollte mitgenommen werden.

Die hervorragende und wirklich von Italienern geführte Pizzeria Casa Blanca fand er auf Anhieb. Letztes Jahr hatte ich ihn gebeten, sie sich zu merken. Das Essen ist hervorragend und der Service wohltuend freundlich. Kein Erstaunen über seinen Wunsch nach Nudeln mit Käse. Ich hörte wie der nette Italiener für ihn in der Küche „Makkaroni in Butter geschwenkt mit Käse drüber“ bestellte.

Von dort aus fand er selbständig den Weg zum Hafen und zum Katamaran. Die Getränke wurden uns gebracht und ich bestellte gleich nach der Abfahrt in Konstanz für das Ziel in Friedrichshafen ein Taxi vor.

Am Ziel angekommen, musste mein Junge plötzlich aufs Klo – und zog mich mit. Wir verfehlten die Taxifahrerin. Zum Schluss fanden wir uns, weil ich in die Nähe des von der Zentrale vorgeschlagenen Punktes ging. Ich hörte aus dem Telefon der Fahrerin ein schreiendes Kind, welches auf dem anderen Ohr auch zu hören war. Wir fanden uns trotzdem nicht – und ich sang einige Takte. Egal, was die anderen Leute dachten, Hauptsache, wir fanden uns schließlich.

Am nächsten Tag fuhren wir heim. Im Stuttgarter Baubahnhof fand mein Sohn für sich etwas zu Essen.
Als ich nach Gleis 16 fragte, meinte einer „da drüben“. Offensichtlich hat mein Junge den Fingerzeig nicht verstanden und ich erhielt die Antwort: „Denen kann man auch nicht helfen, wenn die doof sind.“ Ich war den Tränen nahe und versuchte, dieses ominöse „da drüben“ zu finden. Eine Dame konnte ganze Sätze sprechen und sagte, wir ständen am richtigen Gleis, also am vorherigen „da drüben“. Der Zug sei zwar angekündigt, aber noch nicht da. Sie meinte auch, ich solle mir über solche Kommentare keinen Kopf weiter machen. Vielen, vielen Dank, das baut heute noch auf!
Wir wurden von meinem Mann abgeholt und ich fühlte mich mit Liebe richtig eimerweise überschüttet! Mir geht beim Berichten jetzt noch deshalb das Herz weit auf.

Am Samstag fuhren wir U-Bahn.

23.8.16 17:34, kommentieren

Ferienbeginn

Nach dem hervorragenden Schuljahresbericht wollte Sohnemann nur einen einzigen Wunsch erfüllt wissen: Er wollte die Wilhelma besuchen.
Am Donnerstag, 28.07.2016 fuhren wir U-Bahn, am Freitag fuhren wir ihn auf die Gruppe und übernachteten in einem Hotel in der Nähe.

Am Samstag holten wir ihn ab, parkten vor dem Bahnhof und fuhren mit dem Zug nach Stuttgart und mit der U-Bahn zur Wilhelma. Die Gewächshäuser, das Schmetterlingshaus, das faul herumliegende Krokodil und die sehr neugierigen und zutraulichen Brillenpinguine waren die absoluten Highlights. Wir hatten sehr viel Spaß! Mit den Öffentlichen war es entspannter als mit dem Auto.
Am Sonntag fuhren wir heim und am Montag rief wieder die Arbeit.

6.8.16 09:56, kommentieren

Jahreszeugnis

Dies ist der erste Schuljahresbericht über unseren Sohn überhaupt, mit dem ich völlig zufrieden bin und der mir nicht Kopfzerbrechen macht:
Sein Umgangston ist höflich. … Im beschriebenen Zeitraum gab es keinerlei Streitigkeiten und Wutausbrüche gegenüber seinen Mitschülern oder Sachgegenständen. … Er spricht in 2-3 Wortsätzen. Dabei unterstützt und ergänzt er seine Aussagen durch Zeigegebärden, Gebärden und Gestik. Seine Aussprache ist undeutlich. Wird er von seinem Gegenüber nicht verstanden, wiederholt er seine Aussage auf Nachfrage sehr geduldig oder schreibt einzelne Worte auf und malt ein Bild dazu. … Er führt Tagebuch, malt zu einzelnen Erlebnissen oder Situationen Bilder und Symbole und ergänzt diese mit einzelnen Worten. Am PC malt er Bilder zu Begebenheiten, die ihn beschäftigen, auch zu Ereignissen, die schon weit in der Vergangenheit liegen. Anhand dieser Zeichnungen kann er erzählen.

Feinmotorisch ist er sehr geschickt. Er schreibt gut leserlich in Großdruckbuchstaben. Seine Zeichnungen sowohl am PC, als auch mit Hand sind beeindruckend. Sie sind sehr differenziert und detailgetreu.

In diesem Schuljahr war das Thema „Öffentliche Verkehrsmittel“ ein Schwerpunkt. Er kennt verschiedene öffentliche Verkehrsmittel, findet den Weg zur Bushaltestelle und weiß, wie er sich im Bus verhalten soll. Er kennt die Bedeutung zahlreicher Piktogramme im Bus und am Bahnhof wie z. B. Information und WC und orientiert sich daran. Er findet in einem Busfahrplan die gesuchte Haltestelle und kann die Abfahrtszeit lesen. Darüber hinaus besitzt er in diesem Bereich ein herausragendes Wissen und es entspricht seinen besonderen Interessen, so kennt er z.B. genau die Streckenpläne der U-Bahn seines Heimatortes.

Er ist im Schulalltag ordentlich und kümmert sich um Körperpflege und Kleidung selbstständig.

Mathematik:
Er arbeitet im Mathematikunterricht gerne mit. Er erfasst eine Menge bis 5 simultan. Problemlos ordnet er den Ziffern bis 10 eine entsprechende Menge zu. Er hat das Zerlegen, Teilen und Ergänzen von Mengen auf vielfältige Weise im Zahlenraum bis 10 geübt. Gerne arbeitet er mit konkretem Material wie z.B. der Schüttelbox und überträgt das Ergebnis auf ein Arbeitsblatt. Additionsaufgaben löst er mit Anschauungsmaterial wie z.B. das Rechenschiffchen.

Lesen/Schreiben:
Er kennt die häufigsten Buchstaben des Alphabets und auch die entsprechenden Gebärden. Er übt Wörter zu buchstabieren und das Schreiben nach Gehör. Er konnte seinen aktiven und passiven Wortschatz durch mannigfaltige Wortfeld Übungen vorübergehend ausweiten, braucht aber viel Übung, um die gelernten Worte sicher in seinen Wortschatz bezüglich Lesen und Schreiben integrieren zu können. Er kann vorgelesene Texte verstehen, reproduzieren und einzelne Textbausteine (z.B. Schlüsselworte, Fürworte, Namen, Bilder) sinnig zuordnen, zeigt dies aber eher selten.

Sachkundlicher Gesamtunterricht:
In diesem Schuljahr war das Themenfeld Technische Medien ein Schwerpunkt. Er hat dazu einen Jahreskalender am PC erstellt. Er verfügt über sehr gute Kenntnisse im Word-Programm. In eine vorgegebene Tabelle trägt er selbständig die Zahlen und Wochentage ein. Er kopiert Bildsymbole, fügt diese in die Tabelle ein und passt die Größe an. Er kennt verschiedene Möglichkeiten der Textgestaltung und wendet diese selbständig an. Er kann einen Ordner anlegen und die Dateien abspeichern.

Religion:
Er nimmt gerne am Religionsunterricht teil. Er beteiligt sich an den Ritualen wie Kerze anzünden und singen und verfolgt aufmerksam die inhaltlichen Themen, die sich am kirchlichen Jahreskreis orientieren.

6.8.16 09:51, kommentieren

Endspurt

Das Schuljahr geht langsam zu Ende. Wir haben an einem Inklusionslauf teilgenommen. Die Atmosphäre war fröhlich. Ein Projekt wurde unterstützt. Man konnte auf Zeit laufen, oder nur schlicht die Runde zählte. Es hat wirklich Spaß gemacht.

Alle Jahre wieder wird auf unserem Rücken der Kampf der beiden Verwaltungsebenen ausgetragen. Die Situation hat sich nicht geändert, unser Kind kommt dafür nicht in Frage, wir dürfen wegen dieser Luftnummer allerdings jedes Einkommensfitzelchen von vor jeweils zwei Jahren beibringen. Die niedrigere Ebene hat ein Einsehen und gewährt Fristverlängerung. Es muss ja was von den warmen Sonntagsreden übrig bleiben. Wer kein behindertes Kind will, wird mit der Moralkeule verprügelt, die, welche eines haben, werden von der Bürokratie erschlagen. Außerdem bin ich nach ganz viel Arbeit im Job, zusätzlich für eine erkrankte Kollegin übernommene Aufgaben mit nicht gerade barrierefreien Grundlagen und einer angefangenen Wurzelbehandlung komplett urlaubsreif.

1 Kommentar 30.6.16 04:27, kommentieren