schwedenlady

Deutsch/svensk Blog mit vielen verschiedenen Tönen - med många olika toner.
 
 

Blinde Autistenmutter erzählt

Weihnachten

So 18.12.2016
Ich hatte Sohnemann um Mithilfe bei einfachen Tätigkeiten gebeten, es prallte ab. Ich sagte: „Wenn du nicht mithilfst, fällt Weihnachten aus.“ Keine Reaktion. Ich glaubte nicht, dass er es sich so zu Herzen nahm. Die Gruppe erzählte, er hätte Angst gehabt, Weihnachten nicht heim zu dürfen und ich klärte den für mich kleinen Disput auf.
In Zukunft bin ich vorsichtiger mit solchen Äußerungen. Schließlich konnte ich früher auch an eine Wand appellieren und hinreden, ohne, dass es half. Anscheinend fruchtet doch mal etwas. Er half jedenfalls mit, und räumte seinen Müll weg und seine Sachen in die Geschirrspülmaschine. Auch an Heiligabend.

 

Wir waren bei seinem Opa im Krankenhaus. Beide fuhren heim, es war besser so. Ich  blieb alleine dort. Beide holten mich dann wieder ab.

 

Er war bei uns hier dann sehr still, er nahm offensichtlich die Atmosphäre wahr. Auf der Gruppe verhielt er sich äußerlich normal. Er verarbeitete es, indem er auf der Gruppe allein den Baum schmückte. Hier half ihm Papa. Papa und ich stellten den Baum auf, dann kümmerte sich Papa um die Kerzen, den Rest machten beide gemeinsam.

 

Heiligabend war stimmungsvoll. Er bekam eine neue Kamera, mit Stativ und Tasche und Papa zeigte ihm deren Bedienung. Ich hoffe, er kommt mit ihr zurecht. Ein neues Tagebuch und Süßigkeiten brachte das Christkind auch.

30.12.16 07:15, kommentieren

Erlebnis am Elterntag

Der Elterntag war schön. Bis auf eine Sache. Eine Mutter. Was die beruflich treibt, weiß ich nicht. „Das ist ja schön, wenn Sie im Haushalt mitarbeiten“, sagte sie herablassend zu mir. Ich hab sie gefragt, ob das ein Witz sein soll.
Ganz klar. Als Blinde kann Frau keinen Haushalt führen, sondern „nur“ mitarbeiten. Hoffentlich ist die Fallhöhe vom hohen Ross genau so groß wie die Unkenntnis dieser feinen Dame. Und ausgerechnet Leute, deren Verwandte im sozialen Bereich arbeiten, versteigen sich zu so etwas. Sehr beeindruckend. Auch gibt es die Blindenpädagogikausbildung in Heidelberg übrigens erst ein Jahr. Unsere Lehrer wurden, als ich Schülerin war, mit viel finanziellem Aufwand auf dem Mond geschult, da gibt es nämlich eine Nachtseite. Schade, dass sie so wenig über das schwebende Gefühl mit geringerer Schwerkraft erzählt haben.

Unser Sohn kann wunderbar sticken und der Vorfall, von dem ich berichtete, war auch schon wieder vergessen. Die Serie "Cobra 11" soll er künftig nicht mehr anschauen. Da sind die Gruppe und wir uns einig.

 

Wen es interessiert: Hier im "Blindenzoo" koche und wasche ich, mein Mann putzt. Wir fahren mit dem System sehr gut. 

9.10.16 14:35, kommentieren

Wochenende vor dem 3. Oktober

Am Freitag hat Papa ihn nach der Arbeit vom Bus abgeholt und auch noch einmal auf die Vorkommnisse in der Schule angesprochen:
„ Er war etwas verwundert, dass ich informiert war.“

Am Samstag, 01.10.2016, sind wir einkaufen gegangen und U-Bahn gefahren. Am Nachmittag hat er Häuser mit Türen und Türklinken am Rechner gezeichnet.

Am Sonntag haben wir ausgeschlafen und waren dann im Verkehrsmuseum. Sohnemann legt ja immer ein hohes Tempo vor, wenn er durch Museen geht, aber es gab auch Sachen, die ihn faszinierten wie der Hofzug von Ludwig II. , die große Modelleisenbahnanlage oder auch der Wählersaal ( er sagt „Rechenzentrum) in der Kommunikationsabteilung, aber leider war der außer Betrieb. Wir sind dann durch Nieselregen heim gekommen.

Am Montagmorgen schlafen wir aus.

3.10.16 10:35, kommentieren

Rückfall

Und schon wieder! Jetzt hatten wir ein Schuljahr so schön Ruhe und ein wunderbares Zeugnis. Ich war zum ersten Mal stolz und hatte die Hoffnung, das Leben würde sich doch endlich in normale Bahnen einregeln lassen. Kaum aber kommt das Köpfchen aus dem Loch, rumms, drauf mit der Schaufel, damit man auch wirklich im Loch bleibt. Alles wäre ja sonst zu wundervoll. Die schockierende Mail kam am Freitag aus des Sohnes Gruppe und lautet verkürzt wie folgt:
"Er hat einen Schüler umgestoßen. Ein Grund hierfür war nicht ersichtlich. Er hat Fernsehverbot erhalten und darf zur Zeit nur in Begleitung zur Schule gehen. Er hat bitterlich geweint und ihm ist es bewusst, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war. Sie können es mit ihm besprechen, aber Strafen hat er genug erhalten. Das Fernsehverbot wurde inzwischen wieder gelockert und er kann die Sendung „Galileo“ anschauen. Aber alle „Cobra 11 Filme“ und aufregende Krimi- und Einbruchsserien sind gestrichen. So hoffen wir doch, dass jetzt alles wieder ohne große Aufregungen läuft."
Ich gebe der Gruppe uneingeschränkt Recht. Wenn es nach mir ginge, dürfte er nie mehr so etwas schauen. Immer ist irgendetwas. Normale Jugendliche in dem Alter... Ach, was soll ich sagen. Mein Leben ist einfach verpfuscht. Ich kann an das Kind hinreden, mit Engelszungen, ihm erklären, was das für Konsequenzen haben könnte (Medikamentierung) - ich kann aber auch mit der Wand vor meinem Schreibtisch sprechen. Also rede ich halt mit Engelszungen auf die 1,83 m große, Mensch gewordene  Wand ein. Ich werde nie mehr richtig von Herzen fröhlich  sein können, nie mehr unbelastet. Ich muss ständig Angst haben, was jetzt schon wieder schief läuft. So ist das Leben mit einem Kind mit einer geistigen Behinderung, dazu zählt auch Autismus. Dieses "Kind" bleibt immer Kind, wird nie erwachsen, wie Menschen, ohne geistige Behinderung. So geht es ewig weiter, egal, wie alt ich werde. Alle Schönfärber und Moralapostel dürfen gerne jetzt und hier kommentieren. Die möchte ich nach 18 Jahren Bürokratie und K(r)ampf auf jeder Ebene mal hören. Also, los, fühlt euch berufen!

2.10.16 16:38, kommentieren

Stressiger Ausflug

Donnerstag, 18.08.2016
Das Taxi holte erst mich ab und ich fuhr zur Gruppe meines Sohnes, dann fuhren wir nach Friedrichshafen. Dort ging es mit dem Katamaran Richtung Konstanz. Mein großer Junge führte mich perfekt aufs Schiff und fand auch Plätze für uns. Wir hatten einen Vierertisch und ein Herr erklärte mir, dass meines Sohnes Bemerkungen sich auf den „Gästebildschirm“ mit Infos bezogen. Mein Junge bezeichnete später Möwen als „Seetauben“, was ich sehr amüsant fand. Er kaufte sich ein Eis, der Kaffee wurde gebracht.

Er fand das Sea Life natürlich und wir gingen durch. Man konnte Gletschereis anfassen und er hatte viel Spaß bei den Eselspinguinen. Ein (Plüsch)-Pinguin wollte mitgenommen werden.

Die hervorragende und wirklich von Italienern geführte Pizzeria Casa Blanca fand er auf Anhieb. Letztes Jahr hatte ich ihn gebeten, sie sich zu merken. Das Essen ist hervorragend und der Service wohltuend freundlich. Kein Erstaunen über seinen Wunsch nach Nudeln mit Käse. Ich hörte wie der nette Italiener für ihn in der Küche „Makkaroni in Butter geschwenkt mit Käse drüber“ bestellte.

Von dort aus fand er selbständig den Weg zum Hafen und zum Katamaran. Die Getränke wurden uns gebracht und ich bestellte gleich nach der Abfahrt in Konstanz für das Ziel in Friedrichshafen ein Taxi vor.

Am Ziel angekommen, musste mein Junge plötzlich aufs Klo – und zog mich mit. Wir verfehlten die Taxifahrerin. Zum Schluss fanden wir uns, weil ich in die Nähe des von der Zentrale vorgeschlagenen Punktes ging. Ich hörte aus dem Telefon der Fahrerin ein schreiendes Kind, welches auf dem anderen Ohr auch zu hören war. Wir fanden uns trotzdem nicht – und ich sang einige Takte. Egal, was die anderen Leute dachten, Hauptsache, wir fanden uns schließlich.

Am nächsten Tag fuhren wir heim. Im Stuttgarter Baubahnhof fand mein Sohn für sich etwas zu Essen.
Als ich nach Gleis 16 fragte, meinte einer „da drüben“. Offensichtlich hat mein Junge den Fingerzeig nicht verstanden und ich erhielt die Antwort: „Denen kann man auch nicht helfen, wenn die doof sind.“ Ich war den Tränen nahe und versuchte, dieses ominöse „da drüben“ zu finden. Eine Dame konnte ganze Sätze sprechen und sagte, wir ständen am richtigen Gleis, also am vorherigen „da drüben“. Der Zug sei zwar angekündigt, aber noch nicht da. Sie meinte auch, ich solle mir über solche Kommentare keinen Kopf weiter machen. Vielen, vielen Dank, das baut heute noch auf!
Wir wurden von meinem Mann abgeholt und ich fühlte mich mit Liebe richtig eimerweise überschüttet! Mir geht beim Berichten jetzt noch deshalb das Herz weit auf.

Am Samstag fuhren wir U-Bahn.

23.8.16 17:34, kommentieren