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Kann eine Blinde eine echte Lady sein? Zweiter Teil

Wer von sich kann behaupten, eine vollkommene Dame zu sein? Dieser gratuliere ich mit sehr großer Anerkennung, höchstem Respekt und ehrlicher, tiefer Bewunderung.
Ich arbeite noch daran, denn ich war früher oft zu ungeduldig und ertappe mich heute noch beim Lästern über andere mit Freundinnen, eigentlich ein absoluter Verstoß gegen das Benehmen einer wirklichen Dame.

Was ich damit ausdrücken möchte: Eine Lady sein - immer und über all, 365 Tage im Jahr, ist eine Lebensaufgabe, welche nebenbei, im Alltag, mit Freude angenommen werden will.
Meiner Meinung nach ist es ehrwürdiger, die inneren Werte einer kultivierten und gebildeten Dame zu vervollkommnen als teure Markenkleider zu tragen. Mich hat erschreckt, was da manchmal an Respektlosigkeiten, Vorurteilen und Pauschalisierungen aus Mündern und Fingern der Damen floss, die von vielen als Ladys angesehen werden und auch so wohnen und leben.
An sich selber ständig zu arbeiten, seine Antennen auf andere Personen jederzeit so auszurichten, damit jeder in der Umgebung sich wie eine Königin oder ein König fühlen kann, ist eine sehr große Herausforderung. Auch der Paketbote soll spüren, er wird wertgeschätzt und selbst dieser kurze Besuch soll bei ihm einen guten Eindruck hinterlassen, also ein Lichtblick in seinem stressigen Tagesablauf sein.

Daneben erscheint das Organisieren der Lady-Garderobe als ein Kinderspiel. Selbst, wenn man dazu eine Begleitperson finden muss. Das ist in 99 % aller Fälle nötig. Es sei denn, man kennt die Modedesignerin. Sie will nicht, dass man in schlechter Garderobe, die nur einfach verkauft werden wollte, ihren Ruf ruiniert. Die Begleitperson muss jemand sein, der man vertrauen kann und die ein wirkliches Interesse an der Sache hat. Auch ist es vorteilhaft, mit Verkäuferinnen Termine abzusprechen. Wann sind mehrere im Laden und eine einzige kann sich ganz der blinden Kundin widmen?
Ob sich Stoffe gut anfühlen, kann man ertasten. Ob Kleidungsstücke gut passen, kann man in den meisten Fällen erspüren. Man muss sich nur darin bewegen, bücken, strecken und sitzen.

Ich erwarte von den Verkäuferinnen beim abschließenden Urteil über ein Kleidungsstück Ehrlichkeit, das kommuniziere ich auch. Es zahlt sich für die Geschäfte eher aus, mich gut zu beraten, als kurzfristigen Verkaufserfolg zu erzielen. Als zufriedene Kundin komme ich schließlich immer wieder.
In dieser Hinsicht bin ich gesegnet, mein Mann hat guten Geschmack und viel Geduld. Er möchte schließlich selber eine schöne Frau neben sich sehen. Als Blinde ist es nicht leicht, sich die Lady-Garderobe zu beschaffen, aber auch kein Ding der Unmöglichkeit. Ich möchte alle blinden Damen dazu ermutigen:
Es dauert wahrscheinlich länger, alles zu haben, was benötigt wird, hat man die Dinge aber, weiß man, wo man immer wieder Ersatz bekommt. Zu stures und dickköpfiges Suchen bringt oft wenig. Urplötzlich "finden" mich die Dinge, nach denen ich ewig gesucht habe oder ganz andere, die "einfach so" auftauchen. Öffnen sich die Antennen, um als Dame durchs Leben zu gehen, kommen auch unerwartete Einkäufe vor.
Eine Dame ist man nicht erst mit dem kompletten Erwerb der Ladygarderobe, es ist eine Sache der Ausstrahlung.

Kleine Hilfen:
Hänge zusammenpassende Outfits auf einen Bügel, oder nebeneinander.

Sortiere Dein Makeup in dünne Plastiktütchen ein. Zum Beispiel: Das Makeup für den Alltag, das Makeup für den Silberschmuck und am Abend, das Makeup zu Goldschmuck und am Abend, das Makeup für dieses und jenes Outfit.
 
Erstelle eine Datei: Beschreibe das Kleidungsstück, auch gerne mit eigenen Worten (die weiße, steife Bluse mit dem Monogramm) und schreibe die Pflegehinweise dazu.

Erstelle in einer Datei ganze Outfits:
Passende Oberbekleidung, evtl. passendes für darunter, dazu passende Strumpfhose und Schuhe. Dann noch die dazugehörigen Accessoires, Schmuck, Haarband, die Gestaltung der Frisur und das Makeup und evtl. den Nagellack. Beschreibe die Beschaffenheit des Lippenstiftes beispielsweise sehr genau. Der Lippenstift aus Metall, oben etwas abgeschrägt usw. Dies ermöglicht Dir auch noch nach einem Jahr, dieses Outfit gleich in seiner Vollkommenheit kombinieren zu können.
Gib Variationsmöglichkeiten an.
Je genauer und fröhlicher Du schreibst, umso schöner ist es, just dieses Outfit wieder auszuwählen.

Steht ein für Dich wichtiges Ereignis an, nimm die Oberbekleidung ggf. zum Ansehen ins Nagelstudio und zur Kosmetikerin mit oder lasse Dir von einer Freundin helfen.

Wenn Du für ein Outfit spontanes Lob erfährst, notiere das Outfit so detailgetreu wie möglich in dieser Datei. Schon hast Du auf die Schnelle eine Kombinationsmöglichkeit mehr an der Hand und musst nicht lange überlegen.

Wenn Du magst, notiere auch Kombinationen, die weniger gut angekommen sind. Ich merke mir diese von Haus aus schon und konzentriere mich auf die positiven Beispiele. Das ist schöner. eine Lady sein muss schließlich Spaß machen.

Hast Du gefärbte Haare, frage immer jemanden, der einen Blick dafür hat, ob Farbe und Schnitt noch in Ordnung sind. Du kannst auch regelmäßig alle sechs Wochen zum Friseur gehen. Den Schnitt kannst Du ertasten. Du erspürst selber die Haare und deren Beschaffenheit. Wenn nicht, Du wirst das Gefühl dafür entwickeln. Deine Lady-Antennen wachsen in die Tiefe.
Taste dazu vor einem perfekten Tag, wenn Du wie aus dem Ei gepellt bist oder wurdest, Dich selber vorsichtig ab und präge Dir alles genau ein. So entwickelst Du dieses Empfinden. Deine Finger sind Deine Augen, Deine Hände und Dein Gedächtnis sind der Spiegel. Du wirst Dich ganz neu begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt allerdings auch Fallstricke, denen kannst Du abhelfen. Es passieren aber auch Dinge, die muss eine Dame gegebenenfalls hinnehmen, darüber stehen, die virtuelle Krone zurechtrücken und weitermachen. Außerdem verfügt die blinde Lady oft über Dinge, welche sie nicht erst mühsam erwerben muss. Hier kann sie völlig in sich selber ruhen und auf ihre Begabungen sowie Fertigkeiten vertrauen.

1.9.17 12:45

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