schwedenlady

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Blindheit und Schönheit

Für ein Buch über "Blinde Schönheit" wurden Schreiberinnen gesucht. Ich wollte mich zwar beteiligen, aber vergaß es aufgrund von Dingen, die für unser Leben wichtiger waren. Das Thema hat mich schon immer begleitet. Als Mädchen mit einer damals schönen Figur und heute ebenso.

Als Kind von ungefähr sieben Jahren empfand ich Gänseblümchen als schön. Dieser Knopf als Blüte und drum herum die kleinen und zarten Blätter. Langstielige Schlüsselblumen gefielen mir ebenso gut. Das Steingewächs bei Oma im Garten, die glatte Rinde von Birken, überhaupt diese schlanken Bäume. Später mochte ich schlanke Säulen. Die verschnörkelte Form von Barockflöten, speziell die der Diskantflöte und das Tabernakel der Nürnberger Lorenskirche. Marmor, glatt und kalt liebte ich. Mit 12 wollte ich nur noch Röcke tragen und es gab tränen, wenn ich eine Hose anziehen musste. "Beim Faschingszug durchs Dorf ist es für einen Rock zu kalt." Da mussten wirklich schon gute Argumente her, wie dieses, um mir eine Hose aufzuerlegen. Das kam einer Verleugnung meines Mädchenseins gleich. Ich war ja schließlich kein Junge. Und benahm mich doch noch nicht wie eine junge Dame.

Mit 14 oder 15 in Italien sagte mein Stiefvater während einer Strandwanderung, ich solle nicht so trampeln, das passe nicht mehr zu mir. Und da war ich in meiner Rollenfindung zwischen Frau und Mädchen. Einerseits sollte ich jetzt also die junge Dame sein, die Jasminduft liebte und ein Minikleid trug. Andererseits spielte ich in meiner Fantasie noch mit Barbiepuppen. War dieses neue Wesen, diese Jasminduftverehrerin nicht eine Nummer zu groß für mich? Durfte ich für mich selbst so sein? Schönheit hatte damals noch nichts mit meiner Blindheit zu tun. Das war eher eine Entwicklungsfrage vom Kind sein zum jungen Mädchen. Vom Mädchen, das mit der ein Jahr jüngeren Cousine, deren Pferd und einer kleinen Kutsche durch deren Dorf fuhr und ein Lied von "Die Mädels vom Immenhof" trällerte. Ich war da wirklich Kind auf dem Immenhof. 20 Minuten später hielt ich – weitsichtig und älter wie ich war – die Cousine davon ab, ein verklemmtes Toastbrot mit Hilfe einer Gabel aus dem noch am Stromnetz hängenden Toaster zu stochern.

Zur gleichen Zeit waren in unserer Blindenschule Figuren und Büsten von Göttinnen, aber auch von Römerinnen aufgestellt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wusste ich, wie schön lange Haare wirken. Die wollte ich auch haben. Dann kam aber wieder das von den mit Vorurteilen der Eltern behaftete Argument der schweren Pflege für Blinde. Für meine Mutter waren lange Haare in ihrer stets höchst gewählten Ausdrucksweise nur "Zudeln", soll wohl übersetzt "Zotteln" heißen.

Als Jugendliche war ich zwar keine graue Maus, da meine Eltern etwas fortschrittlicher eingestellt waren. Ich war aber auch selten topp modisch. Das änderte sich mit dem Eintritt in mein Berufsleben. Während der Ausbildung zog ich zu einem Date mit einem Sehenden eine damals aktuelle Marine-Kombi aus Bluse und Rock an. Das war es aber auch schon. Dann bestellte ich mit Kolleginnen, die auch gleichzeitig Freundinnen waren, aus Katalogen. Wir bestellten alle. Ich brachte mir das Schminken mit Hilfe eines Buches "Schminken für Blinde und Sehgeschädigte" bei. Von wem es ist, weiß ich leider nicht mehr. Die Farbauswahl traf eine Juvenaberaterin bei Karstadt für mich. Die Farben erfuhren eine positive Resonanz und noch heute benutze ich Puder und Make-up dieser Firma.
Bei einer Kosmetikerin habe ich auch schon Lippenstift und Rouge ganz speziell zu spezieller Kleidung erstanden oder mich gleich für Events schminken lassen. Das ist auch beim Friseur sehr bequem. Haare, Hände, Nägel, Augenbrauen und Gesicht für einen Stadtempfang zurecht machen lassen und dann nur noch in die Kleidung schlüpfen. Woher weiß die Frisöse, was ich anziehen möchte? Ich besuche sie am Vorabend kurz und zeige ihr die Kleidung. Sie wohnt im selben Haus. Wenn ich mich selbst schminke, lasse ich mich nachher von jemandem anschauen.

Kleidung kaufe ich meist mit meinem Mann. Seine Auswahl kommt immer gut an. Alleine kaufe ich nur Kleider, schließlich wird nichts farblich unzusammenpassendes zu einem Kleid verarbeitet. Mittlerweile habe ich auch durch das Fühlen im wahrsten Sinne des Wortes ein Händchen dafür, was mir steht, was aufträgt oder nicht. Nur bei einem einzigen Geschäft kaufe ich alleine ein. Die Schwester der Designerin sagte, ich könne ruhig alleine kommen, sie meinte, was sie sagte. So gelingt es mir, meinen Mann positiv zu überraschen, wie jede andere Frau auch. Ich tätigte nie einen Fehlkauf. Schmuck, Parfüm und Accessoires kaufe ich überwiegend alleine. Ich erfuhr bald, alles, was ich gerade von innen heraus schön finde, macht mich auch für andere schön.
So entwickelte ich meinen eigenen Stil. Mit Riemchenschuhen mit Strass, eine Zeit lang mit künstlichen Fingernägeln, wovon einige auch mit Strassmustern verziert waren. Ich trage gerne ein Diadem oder Harspangen und sonstigen Haarschmuck im taillenlangen Haar oder flechte Bänder, aber auch Perlen hinein.

Ich liebe Satin, Velours, Samt, Seide, Stickereien, Strass, Kristall, Perlen und Pailletten. Ob das zufällig gerade angesagt ist, stört mich nicht. Alles kommt wieder. Schließlich muss ich die Sachen tragen und mich damit wohlfühlen, keiner sonst steckt in meinen Kleidern.

Neulich habe ich mit einer Frisur (Aus den Haaren ein "Krönchen" flechten) von Brigitte experimentiert. Der flauschigste Ehemann von allen meinte, mein Einfall wäre besser gewesen, als die Frisur auf dem Bild. Ich hatte den Text falsch interpretiert. Das Foto kann ich ja nicht sehen. Glücklicherweise habe ich ein Händchen für meine Haare.

Ich bin nicht mehr schlank wie damals, sondern eine Frau von Format. Wichtig ist dann eben, den Blick von den Problemzonen abzulenken und mit sich selbst im Einklang zu sein. Was mir gefällt, steht mir.
23.07.2010

Nachtrag: Seit kurz nach einem Presseessen 2014 trage ich wieder kurze, künstliche Fingernägel. Zart lackiert oder French. Es ist schwer, alle vier Tage jemanden zu finden, der mir die Nägel ladylike stylt. Da trage ich sie lieber kurz, aber in Form gebracht und natürlich aussehend lackiert.

29.1.15 15:00

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